„Manchmal haben wir uns nur noch angebrüllt“ – Interview mit Familie Brings

   

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Dietlinde Deimann mit Peter (rechts) und Stephan Brings. Foto: Bause

Die Brüder Peter und Stephan Brings erzählen gemeinsam mit ihrer Mutter Dietlinde Deimann über die Kindheit, das Erwachsenwerden und die Karriere.

Die Küche von Dietlinde Deimann ist nicht viel größer als eine Besenkammer, aber hundertmal gemütlicher. Stephan und Peter Brings sitzen am Fenster und trinken Kaffee, die Mutter holt Plätzchen und Kuchen, die Brüder reden über Musik und essen viel Süßes, wie vor 30, 40 Jahren. Sie reden auch über den Tod.

Peter Brings hat kürzlich in einem Hospiz mit Brings-Gitarrist Harry Alfter für eine todkranke Frau gespielt. „Da dachte ich mir mal wieder: Wat häste eigentlich?“ Die Mutter redet frei Schnauze, die Söhne eh.

Je emotionaler es wird, desto öfter sprechen sie Kölsch.

Dietlinde, du warst 18, als Peter auf die Welt kam, bei Stephan 19 und bei Maria 22. Wie haben deine Eltern auf die Schwangerschaft reagiert?

Dietlinde Deimann: Meine Mutter wollte meine Schwiegermutter anzeigen, weil sie dachte, dass Peter bei denen gezeugt worden sei. Rolly (Vater von Peter und Stephan, die Red.) und meine Eltern waren Nachbarn. Rolly und ich kommen aus stinkkonservativen Familien. Die Schwangerschaft war für sie eine Katastrophe.

Wart ihr schon verheiratet bei Peters Geburt?

Peter Brings: Ich glaube ja …

Dietlinde: Das wäre gar nicht anders gegangen. Zur Hochzeit wollte ich ein weißes Kleid. Wie alle Lück gingen wir zu C&A, aber Mama sagte: Ein weißes Kleid kriegst du nicht, dafür bist du unwürdig. Ein schwarzes Jackenkleid wurde gekauft. Nach der Geburt wurde ich vom Pfarrer dann ausgesegnet, Teufelsaustreibung, weil ich mich vor der Ehe beschmutzt hatte.

Du hast dich von Rolly getrennt, als Peter und Stephan neun und zehn waren, deine Tochter Maria war sechs. Die Trennung ist später in vielen Liedern aufgetaucht. Wie erinnert ihr euch an die Zeit?

Dietlinde: Es war schlimm. Für die Kinder vor allem, für mich auch. Heute geht man anders mit Scheidungen um. Damals gab es ein uraltes Scheidungsgesetz, es ging um Schuld und Sühne. Wenn Rolly und ich erwachsener gewesen wären, wären wir anders mit der Situation umgegangen.

Peter: Es gab kein anderes Lebensmodell als die Familie. Man blieb zusammen, auch wenn es beschissen lief und man sich gehasst hat. In der Schule meiner Tochter sind Patchworkfamilien heute das Normale.

Wie kamt ihr wirtschaftlich klar?

Dietlinde: Als ich gemerkt habe, es läuft nicht gut in der Ehe, habe ich eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Ich wollte mich sozial engagieren und habe Kinder geliebt. So konnte ich mich ernähren.

Peter: Und uns auch.

Stephan Brings: Wir hatten immer genug zu fressen. Gut, ab und zu ist uns der Strom abgestellt worden (lacht) …

Dietlinde: Dann bin ich in den Keller gegangen und habe ihn wieder angestellt …

Stephan Brings: Es wäre alles viel einfacher gewesen, wenn uns die Kirche nicht aus der Wohnung geworfen hätte. Wir haben in Nippes in der Christinastraße gewohnt, an der Pfarrei …

Dietlinde: In dem Haus gab es ein spezielles Konzept: Es wurden Leute aufgenommen, ohne zu wissen, wo sie herkommen. Rolly hat damals Religionsunterricht gegeben und den Pfarrer kennengelernt. Er hat mit dem Priester das Konzept für das Haus entwickelt. Ich habe im Kindergarten hinterm Haus gearbeitet. Nach der Scheidung bekam ich die Kündigung von Wohnung und Arbeitsplatz.

Peter: Lass uns nicht über die Kirche reden, mir wird schlecht.

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Dietlinde: Aber es gehört ja dazu. Es gab einen Aufruf des Kindergartens, dass sie mich behalten wollen, und ich bin zum Prälaten gegangen. Der sagte: Sie wissen, dass Sie mit der Scheidung den Boden des Evangeliums verlassen haben. Wenn Sie mir ihr Ehrenwort geben, dass Sie nie wieder in ihrem Leben eine außereheliche Beziehung eingehen, dürfen Sie Wohnung und Arbeit behalten.

Stephan: Ja, super. Wahnsinn.

Dietlinde: Ich war so wütend, dass ich aufgestanden bin, ihm einen Spruch an den Kopf geworfen habe und rausgelaufen bin.

Wer aus der Familie ist noch in der Kirche?

Dietlinde: Ich bin irgendwann evangelisch geworden.

Peter: Wir sind lange raus.

Wie habt ihr das Leben nach der Trennung in den Griff bekommen?

Dietlinde: Gar nicht. Ich habe einen falschen Mann kennengelernt und angefangen zu trinken. Bin arbeiten gegangen, die Jungs und Maria waren im Hort.

Stephan: Oder auf der Straße. Es ging hin und her, auch mit dem Sorgerecht. Aber wir haben das nicht mitbekommen, dass es Mama schlecht ging. Wir hatten das Gefühl: Du machst alles, was geht.

Peter: Trocken werden ist ’ne richtige Scheiße, ich kenne mich da aus. Ich ziehe meinen Hut davor, wie du das in den Griff bekommen hast – das geht nur, wenn man unglaublich viel Power hat.

Dietlinde: Ich bin froh, seit mehr als 30 Jahren trocken zu sein. Die Sucht hat einen Vorteil: Ich kann mit den Enkeln authentisch über die Gefahr von Alkohol sprechen. Da kommt was an – in der Familie haben sich viele kaputt gesoffen.

Stephan: Seit Peter 13 war, haben wir dann bei dir in Flittard gewohnt. Das Wort Flittard kannten wir vorher nicht.

Dietlinde: Was mir wichtig ist: Rolly und ich sind ein klassisches Produkt der politischen Hintergründe. Wir sind in den piefigen 50er Jahren groß geworden. Die Eltern waren alle kriegstraumatisiert. Wir wollten den Mief nicht mehr, die Nazis nicht mehr. Dann gehst du auf die Straße und fängst an, dich zu wehren – und dein Wertesystem fliegt auseinander. Daran ist auch unsere Beziehung gescheitert: Es kam die freie Liebe – der eine hat jede gevögelt, der zweite hat es anders versucht, ich kam damit überhaupt nicht klar.

Stephan: Da sind Tausende Ehen dran zerbrochen. Rolly ist in der Zeit Student geworden …

Dietlinde: Er war mir immer voraus. Ich habe zu ihm aufgeschaut und Halt gesucht, aber irgendwann nicht mehr gefunden.

Peter: Unsere Eltern waren auf der Suche nach einem Lebensmodell, das aufräumt mit Faschismus und Doktrinen. Sie haben alles infrage gestellt. Für uns war das die Rettung. Wir haben von Rolly alles erklärt bekommen, vor allem politische und geschichtliche Zusammenhänge. Dafür bin ich dankbar. Sonst wären wir nicht so freie Menschen geworden.

Stephan: Dein Vater war bei der Bahn und verbeamtet, Mama, aber eigentlich war er Arbeiter. Und deine Mutter wollte nicht konservativ sein, weil sie politisch so dachte, sondern weil sie zum Bürgertum gehören wollte. Bei Rolly war es dann später umgekehrt: Er war Lehrer, wäre aber gern Arbeiter geblieben, vom Stand her.

Dietlinde: Das Ziel meiner Eltern war, ihre Töchter unterzukriegen. Rolly war gelernter Schlosser, das war nicht in Ordnung.

Peter: Oma wollte auch immer, dass wir Hochdeutsch sprechen. Mit dem Dialekt hätten wir verraten, dass wir zum Proletariat gehören. Und das ist in Köln eigentlich nach wie vor so. Auch von den Karnevalsgesellschaften sprechen ja die meisten kein Kölsch.

Stephan: In meinem Eifeldorf spricht jeder Dialekt, jeder. Das finde ich richtig geil.

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Musik liegt bei den Brings in der Familie.

Wie war das mit Musik zu Hause?

Dietlinde: Bei uns zu Hause spielte der Vater Geige. Rolly kommt auch aus einer Musikerfamilie. Rolly und ich haben uns kennengelernt, da war ich 14 und Rolly 17, seine Band hat Skiffle-Musik gemacht. Ich habe gesungen und bei Rolly Gitarrenunterricht genommen. Auch Maria ist übrigens musikalisch: Sie kann sehr gut singen und tut das zu kleineren Anlässen auch mit ihren Brüdern. Früher stand sie mit ihrem Vater auf der Bühne.

Peter: Ich habe mit zehn vom Alten ’ne Gitarre gekriegt und angefangen zu üben.

Warum hast du es dann eigentlich nie richtig gelernt?

Peter (lacht): Wollt ihr Stress han jetzt?

Dietlinde: Der Vater konnte es auch nicht richtig, Noten lesen, meine ich …

Peter: Hast du mit dem Supermann-Heftchen geschlafen, Mama? Aber stimmt: Noten lesen kann in unserer Band nur Harry.

Stephan: Als wir zwischendurch bei Rolly und seiner zweiten Frau gewohnt haben, haben wir mit Rolly Musik gemacht. Als Peter 14 war, habe ich mit Bass angefangen. Peter hatte seine eigene Band, Rübezahl, und ich kam dazu.
Wann hast du gemerkt, dass die Jungs Musik machen wollen?

Dietlinde: Dass war schnell klar. Ich bin nach der Hauptschulzeit mit Peter zur Beratungsstelle, er hat dann mir zuliebe eine Lehrstelle angenommen, als Dachdecker.

Peter: Der Horror.

Dietlinde: Irgendwann hat er zu mir gesagt, Mama, ich gehe nicht mehr hin. Und dann bist du nicht mehr hin.

Peter: Doch. Ich habe noch meine Arbeitsklamotten über den Zaun geschmissen. Kurz danach war ich mit einem Kumpel auf einem Lindenberg-Konzert in der Sporthalle. Danach war es für mich völlig klar: Den Job und sonst keinen.
Hast du mit Udo mal darüber gesprochen?

Peter: Leider nicht. Er spielt am 4. Juni, wenn wir im Stadion zum 25. Geburtstag von Brings spielen, in der Lanxess-Arena – vielleicht können wir ihn auf die Leinwand holen oder er kommt mal rüber.
Wann gab es die ersten Anzeichen, dass es klappen könnte mit der Musikkarriere?

Stephan: Rolly hatte irgendwann die Idee, dass wir kölsche Texte schreiben …

Peter: … und dann habe ich Katharina geschrieben.

Eigentlich ein Lied für Dietlinde…

Peter: Voll und ganz für Mama.

Dietlinde: Bei Katharina fange ich bis heute jedes Mal an zu heulen. (heult ein bisschen)

Du hattest viele Abstürze, Peter. Wann kam die Zeit, dass du Angst um deinen Sohn hattest, Dietlinde?

Dietlinde: Das war, als Peter zwischen 20 und 30 war. Manchmal habe ich ihn erreicht, manchmal haben wir uns nur angebrüllt. Als er 30 war, ist er hier unterm Dach bei mir eingezogen.

Peter: Das war keine gute Zeit. Zum Glück habe ich damals meine heutige Frau Birgit kennengelernt.

Dietlinde: Ich bin im Grunde meines Herzens ein gläubiger Mensch. Wenn gar nichts mehr ging, bin ich ins Bett gegangen und habe gesagt: Leeven Jott ich kann nit mie, mach du et bitte, pass do op dä Pitter op.

Und dann hat der leeven Jott das gemacht?

Dietlinde: In meinen Augen ja: Er lebt ja noch.

Stimmt das eigentlich: Peter ist der Draufgänger, Stephan der, der den Laden zusammenhält?

Dietlinde: Heute würde ich sagen: Peter kann Menschen sehr gut einschätzen und sie für sich einnehmen – deswegen singt er ja auch. Stephan ist ruhiger und kümmert sich um alles und jeden. Wir ergänzen uns super und sind immer füreinander da

Peter: Unsere Kinder gehen zum Beispiel immer zur Oma, wenn sie Stress mit uns haben.

Stephan: Und wenn sie zurückkommen, sagen sie: Oma hat übrigens gesagt, ihr macht alles falsch! (Alle lachen)

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