Narrenkongress in Erfurt: Karnevalslieder haben Ursprung in Thüringen

   

Die Historie der Kölner Karnevalslieder beginnt – geschichtlich belegt und in der Domstadt am Rhein gewürdigt – mit einem Thüringer, dem gebürtigen Erfurter Christian Samuel Schier. Mit dieser Nachricht überraschte Wolfgang Oelsner beim 9. Thüringer Narrenkongress in Erfurt. 
Die Mitglieder aus 94 Thüringer Karnevalsvereinen trafen sich am Samstag zum Thüringer Narrenkongress im „Dasdie Brettl“ in Erfurt. Eingeladen hatte der Erfurter Karnevalsverein „Facedu“. Foto: Paul-Philipp Braun

„Wat e Geföhl“ und „Da simmer dabei“: Stimmungslieder und Mundart-Hits aus Köln sind aus dem Karneval an Rhein und Main ebenso wenig wegzudenken wie in Thüringen, weil sie eine feste Größe deutscher Geselligkeit sind und eine lange Tradition haben. Doch die Historie der Kölner Karnevalslieder beginnt – geschichtlich belegt und in der Domstadt am Rhein gewürdigt – mit einem Thüringer, dem gebürtigen Erfurter Christian Samuel Schier.

Mit dieser Nachricht überraschte der Kölner Pädagoge, Psychotherapeut und anerkannte Karnevalsphilosoph Wolfgang Oelsner am Wochenende als Festredner die Köpfe und Macher des organisierten Karnevals im Freistaat beim 9. Thüringer Narrenkongress des Landesverbandes Thüringer Karnevalsvereine (LTK) in Erfurt. Gastgeber und Ausrichter des alle drei Jahre stattfindenden Treffens der landesweit immerhin 326 Gemeinschaften Thüringer Jecken war diesmal der Erfurter Karnevalsverein Facedu unter Präsident Ricardo Münchgesang.

Angesichts der für die meisten Thüringer Jecken überraschenden historischen Nachricht über die Erfurter Herkunft des ersten närrischen Literaten und Chronisten des traditionsreichen Kölner Karnevals gerieten die ernsten Regularien des Narrenkongresses fast zur Randnotiz. Denn das Präsidium des Landesverbandes Thüringer Karnevalsvereine wurde in Erfurt für eine weitere Amtszeit von drei Jahren einstimmig und nach dem Willen der Vereine in offener Abstimmung mit einem großen Vertrauensbeweis gewählt und bestätigt: Präsident Michael Danz (Erfurt), Vizepräsident Brauchtum und Tradition Martin Krieg (Wasungen), Vizepräsident Vereinsrecht & Weiterbildung Alexander Aquillon (Sondershausen), Schatzmeisterin Angela Clement (Rudolstadt), Protokoller Theo Heinemann (Witterda), Andreas Friedrich (Saalfeld) als Beisitzer Tanzsport und Dr. Rolf Frielinghaus (Ilmenau) als Beisitzer Öffentlichkeitsarbeit.

Während Oberbürgermeister Andreas Bausewein als Oberhaupt der närrischen Hochburg Erfurt mit immerhin dort aktiven 27 Gemeinschaften der Jecken in seiner Grußadresse vor allem den Wirtschaftsfaktor Karneval betonte und sich dafür bedankte, dass der große Karnevalsumzug in der Landeshauptstadt quasi in letzter Minute gerettet werden konnte, stellten LTK-Präsident Michael Danz und die Sprecher der Fachausschüsse vor den Spitzen der mehr als neunzig anwesenden Mitgliedsvereinen des LTK vor allem besondere Leistungen wie bundesweite Erfolge im närrischen Tanzsport, aber auch die umfangreiche ganzjährige Arbeit des Verbandes und der Vereine zwischen den Kampagnen heraus. Erstmals hatte es in der gerade beendeten Session ein Thüringer Landesprinzenpaar gegeben.

Dass das „gesprochene Wort“ im Karneval etwas rückläufig sei, beklagte Rüdiger Grunow (Jena), Vorsitzender des dafür zuständigen Arbeitskreises im LTK, mit dem Hinweis auf die abnehmende Zahl von Büttenreden und Rednern. Hier solle – auch durch Schulungsmaßnahmen wie die Büttenwerkstatt in Ilmenau – im Landesverband und den Vereinen gegengesteuert werden.

Einige Schlagzeilen der Jecken im Freistaat aus jüngster Zeit quittierte und kommentierte Präsident Danz nur am Rande. Etwa die Tatsache, dass ein Motivwagen zum Thema Flüchtlingspolitik („Balkan-Express“) beim Karnevalsumzug in Wasungen durch eine erstattete Anzeige wegen vermuteter „Volksverhetzung“ ein Fall für die Staatsanwaltschaft geworden war: Der Landesverband werde die angeschlossenen Vereine nicht reglementieren, so Präsident Danz, wenn die Grenze der Narrenfreiheit überschritten werde, müsse darüber aber gesprochen werden und: „Wir regeln das unter Karnevalsfreunden, die Staatsanwaltschaft hat Wichtigeres zu tun!“ Und zum Fall des ersten gleichgeschlechtlichen Prinzenpaares in Thüringen in der gerade abgelaufenen Kampagne (TLZ berichtete) meinte Michael Danz augenzwinkernd und Toleranz anmahnend, dass man deshalb „nicht sofort alle Traditionen in Frage stellen wolle“. Dass der Karneval in Deutschland stets die Vielfalt des Lebens und der Gesellschaft widerspiegelt, das machte der Kölner Festredner Wolfgang Oelsner, übrigens Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht, in seinem viel beachteten Vortrag während des Thüringer Narrenkongresses deutlich.

Karneval sei ein Kulturfest, das Gegensätze nicht nur zulasse, man müsse sie auch aushalten. Das Narrenspiel gewähre den Jecken „eine Vereinfachung der Welt und des Lebens auf Zeit“, ermögliche befristete Auszeiten für Kulturbürger, das Anderssein, die Lust am Rollen- und Geschlechtertausch, den vorübergehenden Ausbruch aus der realen Welt.

Zum nächsten großen Treffen lädt der Landesverband in die Musikstadt Sondershausen ein. Dort wird der Karnevalsverein SCC Gelb-Weiß Stocksen-Sondershausen, der im kommenden Jahr sein 60-jähriges Bestehen feiert, das 13. Präsidententreffen des LTK im März 2017 als Gastgeber mit Unterstützung der beiden anderen Sondershäuser Vereine SCC Grün-Weiß und BCV Blau-Weiss Beberanien ausrichten und gestalten. Im Kyffhäuserkreis werden im kommenden Jahr dann bis zu 500 Jecken aus dem Freistaat erwartet werden.

Quelle: Thüringer Allgemeine

           
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