Am Tag nach vier kölschen Toren

   

Jede Reise hat einen Anfang. Für Wolfgang Niedecken ist die Südstadt der Ursprung von allem. Hier begann vor 40 Jahren eine ganz besondere Reise, die auch in direktem Bezug zum FC steht. Ein Gespräch über Heimat, Fernweh, Rock ’n’ Roll und Fußball.

Foto: Thomas Faehnrich

 

 

Wolfgang, wir treffen uns in der Südstadt, deiner Heimat. Welche Gefühle verbindest du mit diesem Veedel?

Dieses Veedel ist für mich der Nabel der Welt. Ich bin hier geboren, aufgewachsen und habe mir von hier aus die Welt erarbeitet und habe sie von hier aus begriffen. Getauft und zur Kommunion gegangen bin ich in der Severinskirche. Als Kind ­haben wir auf der Severinstorburg gespielt. Dabei kam uns zugute, dass dort ­damals die Großmutter meines besten Freundes Hausmeisterin war. So konnten wir von oben herab die Stadt vor feind­lichen Rittern aus Bonn verteidigen. ­Spielerisch habe ich so festgestellt, dass die Welt größer ist. Hinter Bonn geht es ja noch viel weiter!

Also hast du früh begonnen, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Ich habe immer unglaubliches Fernweh gehabt. Schon auf den ersten Reisen, die wir als Familie gemacht haben, habe ich mir alles eingeprägt. Ich war wie ein Schwamm. Eine der ersten weiteren ­Reisen ging an den Wörthersee in Österreich, und ich war total enttäuscht, dass man das gegenüberliegende Ufer sehen konnte. Meine Eltern haben dann extra ­einen Ausflug an die Adria gemacht, ­damit ich mal den Horizont sehen konnte. So war ich besänftigt und der Urlaub konnte weitergehen. Bei allem Fernweh ist Köln für mich die ideale Heimat. Ein Ort, von dem man aufbrechen kann, zu dem man aber auch immer wieder gerne zurückkommt. Es ist schön, wenn man ­einen Heimathafen hat.

 

 

Brauchst du diese Weitsicht und das Fernweh, um in der Kunst und in der Musik aufzugehen?

Wahrscheinlich resultiert das daraus. Aber ich war schon immer neugierig. Wobei mich, bei aller Neugierde, manche Themen einfach überhaupt nicht interessieren.

Welche?

Alles was mit Zahlen zu tun hat. Das ist eine Katastrophe. Ich hatte sogar die Befürchtung, Zahlen-Legastheniker zu sein.

Fußball-Ergebnisse und Tabellen ­bestehen überwiegend aus Zahlen.

Stimmt. Der ehemalige FC-Präsident ­Albert Caspers muss um meine Schwäche gewusst haben. Als ich damals zum Ehren­mitglied ernannt wurde, gab er mir eine Mitgliedsnummer, die aus vier gleichen Zahlen besteht. Die kann selbst ich mir merken (lacht).

Die Zahl 40 ist in diesem Jahr allgegenwärtig. BAP feiert 40-jähriges Bestehen.

Und bei der Entstehung von BAP gibt es sogar einen direkten Bezug zum Fußball und zum FC. Im Halbfinale der Europameisterschaft 1976 lag Deutschland 0:2 zurück – bis mit Heinz Flohe und Dieter Müller zwei kölsche Jungs eingewechselt wurden. Und auf einmal drehte sich die Partie. Flohe erzielte den Anschlusstreffer und Müller in seinem ersten Länderspiel gleich drei Tore. Vier kölsche Treffer für Deutschland! Entsprechend fielen die ­Feierlichkeiten im Hause Niedecken aus. Zu dieser Zeit war ich Zivildienstleistender und musste am nächsten Tag Essen ausfahren. Das war kein Zuckerschlecken. Dann rief plötzlich der Saxofonist meiner ehemaligen Schüler-Band an, zu dem ich mehrere Jahre keinen Kontakt hatte. Er sagte, dass er einen Bauernhof geerbt ­hätte, wo er den Hühnerstall zu einem Proberaum umfunktionieren wollte. Ohne nachzudenken sagte ich, „Okay, ich ­komme vorbei“. Zwar war der Plan mit dem ­Hühnerstall zwecklos – da wären wir ­heute noch mit der Renovierung ­beschäftigt – aber ab dieser Zeit haben wir uns ­regelmäßig getroffen, um Musik zu machen. Anfangs coverten wir die Stones, die Kinks, Neil Young und andere Helden der damaligen Zeit. So hat alles begonnen.

Foto: Thomas Faehnrich

 

 

1976 war die Hitparade geprägt von Disco-­Musik wie Abba oder Boney M. Wie passte das dazu, dass ihr Rock ’n’ Roll spielen wolltet?

Wir hatten ja keinerlei Ambitionen, ­wollten einfach nur Spaß haben. Irgendwann habe ich dann einen eigenen Song auf Kölsch vorgestellt und die anderen sagten: „Dat is joot, mach do mieh vun.“ So fing alles an. Irgendwann wurden wir gefragt, ob wir bei einer Veranstaltung in Nippes auftreten wollten, wo gegen den Bau der Stadtautobahn protestiert wurde. Zunächst wollten wir nicht, aber ließen uns überreden. Der Veranstalter fragte zwecks Ankündigungsplakaten dann nach unserem Bandnamen, den wir nicht hatten. Jemand sagte spontan: „Schriev do BAP drop. Aber mit einem P, dat sieht sonst scheiße aus.“ Bapp (kölsch für Papa, Anm. d. Red.) war damals mein Spitzname, da ich oft real-satirische Geschichten von und über meinen äußerst sparsamen ­Vater erzählte.

Gab es in den vergangenen vier Jahrzehnten BAP Parallelen zur Entwicklung des FC?

Auch ich habe mich im Laufe der Zeit ­einige Male vertan. Komplett geirrt habe ich mich, als wir „FC, jeff Jas“ gemacht ­hatten. Ich wollte die Nummer in erster ­Linie machen, um die Fans bei der Stange zu halten. Ich hatte damals die Befürchtung, dass mancher FC-Fan zu einem ­anderen Verein überschwenken würde. Glücklicherweise war diese Sorge völlig unbegründet. Fünf Abstiege haben die Fans durchlebt und dem FC immer zur ­Seite gestanden. Und was bei den Heimspielen im Stadion passiert, ist ja schon fast Voodoo. Nahezu unabhängig von sportlicher Lage und Gegner ist die Hütte meist voll und die Stimmung einmalig.

 

 

Können Schicksalsschläge für die Entwicklung auch wichtig und positiv sein?

Letztendlich sind wir Kölner Steher. Es kann schon mal was umkippen, aber wir stehen immer wieder auf. Allerdings habe ich den ersten Abstieg des FC im Nachhinein schlimmer empfunden als meinen Schlaganfall. Als mir der Schlaganfall ­passiert ist, hat meine Frau herausragend reagiert, und die Ärzte haben einen großartigen Job gemacht. Als ich nach der OP wach wurde, wusste ich, es wird alles ­wieder gut. Der Herrgott meinte es gut mit mir.

Und der Herrgott meint es derzeit gut mit dem FC.

Wahrscheinlich. Aber es ist auch mit ganz viel Arbeit ganz viel Ruhe in den Club ­gebracht worden. Hoffentlich bleiben uns die handelnden Personen noch lange erhalten.

 

Quelle: fc-koeln.de

 

 

 

 

           
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